Erik Sturm. Mit und ohne Sockel

16.09.2018 – 09.12.2018

Vor ziemlich genau 6 Jahren, im September 2012, wurde in der Stiftung für konkrete Kunst die Ausstellung Zeitspeicher eröffnet. Erik Sturm, damals noch Student an der Kunstakademie Stuttgart, bekam zum ersten Mal die Gelegenheit, eine große Anzahl von Arbeiten im musealen Kontext zu zeigen. Die besondere Heraus-forderung lag allerdings darin, dass er seine riesigen Plakatabrisse oder die zentnerschweren, aus Litfaßsäulen gesägten Plakatschichten in die bereits bestehende Ausstellung arte concreta arte povera integrieren musste. Dabei ging Erik Sturm nicht auf Konfrontationskurs zu den berühmten Künstlerkollegen, sondern versuchte durch farbliche, formale oder inhaltliche Korrespondenzen die Werke in einen Dialog zu bringen.

Auch für die Ausstellung Mit und ohne Sockel stand Erik Sturm kein leerer Raum zur Verfügung. Denn Ausstellungsort ist die große Erdgeschosshalle, die bekanntermaßen, mangels anderer Möglichkeiten, als Depotraum für die Stiftung für konkrete Kunst und seit vergangenem Jahr auch für die Sammlung für konkrete Kunst Reutlingen genutzt wird. Das bedeutet: auf unzähligen Paletten stehen große Transportkisten, lange Reihen verpackter Kunstwerke, Regalmeter voller Bilder in Graukartons, über tausend Archivkartons. Eigentlich kein Ort für eine Ausstellung. Doch dank intelligenter Logistik und einer großen Flexibilität des Künstlers und der Kuratoren bezüglich der Präsentation von Kunstwerken, ist eine Ausstellung entstanden, die sich im Raum behauptet.

Erik Sturm hat die Realität der Lagersituation akzeptiert und konstruktiv umgesetzt. Er hat alle Freiflächen genutzt und auf Paletten, Bauzäunen und Archivkartons zwei seiner Hauptwerke ausgebreitet Selbstportrait (2010-1982) und Miniatur-Skulptur 2003-2018.

Das gemeinsame Thema beider Arbeiten ist die Zeit, schon die Titel weisen darauf hin und wer Erik Sturm kennt, weiß, dass es nicht anders sein kann. Es geht um Zeiträume, Zeitschichten, Zeitspeicher.

2010 rettete der Künstler eine der ältesten Stuttgarter Litfaßsäulen vor der Entsorgung. Sein Interesse galt den in dieser Säule extrem komprimierten Informationen. Plakat für Plakat war jahrzehntelang übereinandergeklebt worden, Werbung für Alkohol, Zigaretten, Reisen, Konzerte oder Parteien, alles in buntem Hochglanz. Als er die dicken Plakatschichten mit einer Kettensäge herausschnitt, stieß er ganz unten am Betonkern auf die Jahreszahl 1982, sein Geburtsjahr. Die Säule und Erik Sturm waren also gleich 'alt', so entstand der Titel Selbstportrait (2010-1982).

Ursprünglich konkav zu einem massiven Block übereinander- gestapelt, wurden die 10 noch verklebten Teile der Arbeit diesmal einzeln, auf einer langen Palettenreihe in der Halle ausgelegt. Jedes für sich eine Skulptur, deren Form und Oberfläche zwar nicht vom Künstler geschaffen wurde, die aber ohne seinen Blick und seine Entscheidung nicht existieren würde. Für den 11.Teil des Selbstportraits trennte Erik Sturm eine verklebte Plakatschicht in 260 Einzelblätter, um die einzelnen Plakate, mehr oder weniger vollständig, wieder sichtbar zu machen. Ausgelegt auf den in der Halle gelagerten Archivkartons der Stiftung, treffen nun zwei Zeitspeicher aufeinander.

Bei der Litfaßsäule waren die Zeitschichten ganz ohne Zutun von Erik Sturm entstanden, wenn er die Säge zum Schnitt ansetzte, sah er nur die oberste Schicht, die Informationen darunter konnte er nicht einmal erahnen, nur akzeptieren.

Bei den 72 Tafeln der Miniatur-Skulptur 2003-2018 hat der Künstler alles selbst bestimmt. Er ist gereist, hat große und kleine Städte durchstreift, hat in den Straßen, auf öffentlichen Plätzen und an Fassaden mehr oder weniger zufällig Skulpturen entdeckt, hat ein Foto gemacht, ein Fundstück aufgehoben, Fotoabzug und Fundstück in transparente Hüllen gesteckt und dann alles auf Tafeln getackert.

Fünfzehn Jahre subjektiver Blick und zugleich kollektive Erinnerung. Orte, Kunstwerke, die wir wiedererkennen, Gegenstände, die uns vertraut sind. Für die Ewigkeit geschaffene Monumente, eingetütet zusammen mit kaputten, deformierten, verdreckten Plastik- oder Metallteilen, verlorenen oder weggeworfenen Spuren unserer Zivilisation. Erik Sturm entdeckt sie, liest sie auf und gibt ihnen eine neue, ästhetische Funktion.
Und das Wichtigste für ihn: in der Klarsichthülle kehrt sich das Verhältnis von Größe und Wert plötzlich um, das Monument wird klein und vergänglich, der Alltagsmüll groß und bedeutend. Die vom Künstler ganz bewußt mit Kabelbindern an Bauzäunen befestigten Sturmschen Tafeln erinnern daher auf den ersten Blick eher an die Protestaktionen der Stuttgart 21-Gegner als an eine Kunstausstellung.

Mit und ohne Sockel, dieser Titel meint vieles zugleich. Er beschreibt den manchmal schmalen Grat zwischen Kunst und Müll. Er verweist auf die durch die neuen Medien immer mehr von Demontage bedrohten, betongesockelten Plakatsäulen. Er zeigt die im Fotoabzug vom Sockel gestoßenen Monumente und die auf den Sockel unserer Aufmerksamkeit gehobenen Fundstücke. Und nicht zuletzt meint er die in dieser Ausstellung zur musealen Präsentationsfläche erhobenen Paletten, Bauzäune und Archivkartons.

Text: Gabriele Kübler
Fotos: Manfred Wandel