François Morellet. Les toiles

15.07.2018 – 25.11.2018

Zum Glück kamen sie gerade noch rechtzeitig aus New York zurück, die 20 lignes au hasard, die von Oktober 2017 bis Anfang Juni 2018 für eine große Morellet-Retrospektive in der Dia Art Foundation ausgeliehen waren. Denn ohne sie hätten sich die beiden anderen Zufallslinien-Bilder 5 lignes au hasard und 40 lignes au hasard (1971) nicht komplett gefühlt, befinden sich doch alle drei Werke seit über 35 Jahren gemeinsam in der Sammlung Manfred Wandel und wollen auch in der aktuelllen Ausstellung in der Stiftung für konkrete Kunst zusammen auftreten.

François Morellet Les toiles, der Titel der Ausstellung sagt erst einmal nicht mehr, als dass alle gezeigten Arbeiten auf Leinwand ausgeführt sind. Doch genau diese Tatsache ist wichtig, denn sie schlägt den Bogen zurück zu den kleinformatigen Holztafeln, die 2014 in der Ausstellung François Morellet Werke 1952 – 1971 in der Stiftung gezeigt wurden. Damals lag der Schwerpunkt der Exponate auf den 1950er Jahren, dem Frühwerk des Künstlers, einer Zeit als sich noch (fast) niemand für seine Kunst interessierte. Als er ungestört von Sammlern, Galeristen und Museumsdirektoren die Grundlagen seiner Arbeit schaffen konnte und er bereits alle Formen und Systeme entwickelte, auf die er sein Leben lang in immer wieder neuen Variationen und Materialien zurückgegriffen hat.

Am anderen Ende des Bogens, in der aktuellen Ausstellung, hängen nun Werke der 1970er Jahre, als aus dem "Autodidakten" Morellet bereits ein berühmter Künstler geworden war, der nicht mehr auf kleinen Holztafeln malt, sondern selbstbewußt großformatige Leinwände in den Raum hängt oder stellt. Viel mehr als nur eine Technik beschreibt also der Titel der Ausstellung les toiles, der zudem, wenn man ihn nur hört, aus den Leinwänden (LES TOILES) ganz leicht einen Stern (L'ÉTOILE) werden lässt. Eine kleine Referenz an François Morellet (1926-2016), der solche Wortspiele liebte, und ein Hinweis darauf, dass dieser Künstler ein, wenn nicht der Star der Sammlung ist.

Wieder sind Dreiecke, Linien und Striche zu sehen. Quadrate, Kreisbögen und Gitterraster gibt es aktuell keine. Auch was die Farben betrifft, sieht es nicht gut aus. Schon 2014 waren ein rotes Quadrat, eine blaue Linie und ein braun-gelb-rotes Triptychon die Ausnahme von der schwarz-weißen Regel. Bei den Leinwand-bildern ist diese Regel jetzt Gesetz, Geometrie schwarz auf weiß. Nur ein kleines hellgraues, konvexes Viereck und drei große, vollständig weiße Quadrate scheren aus.

Die einundzwanzig schwarzen Dreiecke auf weißem Grund kommen uns zu Recht bekannt vor. Allerdings war die 2014 am selben Ort gezeigte Holztafel Peinture (1952) viermal kleiner und 54 Jahre älter als das jetzt gezeigte Leinwand-bild 52 x 4 N°7 (quand j'étais petit je ne faisais pas grand). 2006 hatte Morellet für die Ausstellung Blow-up 1952-2007 im Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris elf Frühwerke in vierfacher Vergrößerung noch einmal gemalt, weil er nach 50 Jahren Lust hatte, die damals aus "Mangel an Platz und Kühnheit" nur kleinen Formate in der nun ihm angemessenen Größe zu realisieren. Im direkten Dialog zwischen Klein und Groß werden die Gestaltungsprinzipien des Malers, Ausschnitt / Fragment / Maßstabslosigkeit besonders deutlich. Am Ende dieser außergewöhnlichen Ausstellung ging das große Bild als Geschenk des Künstlers an den Sammler des kleinen Bildes.

Doch nicht nur die schwarzen Dreiecke kommen plötzlich ganz aufgeblasen daher, auch die anderen Werke, die sich momentan in der Blackbox der Stiftung befinden, sind groß geworden und nehmen sich Freiheiten heraus, die 20 Jahre zuvor undenkbar waren. Zwar werden nach wie vor Linien oder Striche aneinandergereiht oder übereinandergelagert, doch die Systematik entzieht sich unserer Kontrolle.

Ein Linienraster entsteht nicht mehr durch (überprüfbare) unterschiedliche Winkelgrade, sondern durch zufällig ausgewählte Telefonnummern 5, 20, 40 lignes au hasard (1971). Die bei Morellet obligatorische Zahl Pi vollzieht einen halsbrecherischen, spitzwinkeligen Zickzack auf weißem Quadratgrund (pi piquant N°7, 1=1°).

Dass eine Leinwand schief hängt, könnte man noch als quantité négligeable abtun, doch die Spitze an "Platz und Kühnheit" erreicht Morellet mit seiner 1979 entstandenen Peinture en 3 dimensions ou 3 manières d'incliner à 10° des peintures, mit welcher er nicht nur unsere Wahrnehmung, sondern auch unsere Begriffswelt irritiert.
Wie so oft gibt er mit dem Titel eine genaue Beschreibung des Sachverhalts, wie die drei 2 x 2 Meter großen weißen, gekippten Leinwandquadrate aber wirklich aussehen, dies zu erleben soll den Besuchern der Ausstellung vorbehalten bleiben.

Text: Gabriele Kübler
Fotos: Manfred Wandel