Steffen Schlichter
Differenzen

18.5.2014 - 20.9.2014

Mit einem allein funktioniert das nicht. Um eine Differenz festzustellen, braucht es mindestens zwei. Zwei Elemente, Teile, Maße, Systeme, Werte.
Eine höhere Zahl an Vergleichsobjekten führt zwar nicht proportional zu mehr Differenzierung, aber etwas komplexer als 1+1 darf es schon sein in einer Ausstellung in der Stiftung für konkrete Kunst.

In der aktuellen Installation Differenzen von Steffen Schlichter ist daher der Minimalfaktor von 2 auf 100 erhöht. Genug Raum für Verschiedenheit, könnte man glauben. Doch der erste Blick auf die Serie von 100 Bildern aus der Werkreihe der Tapes sieht, dem Titel zum Trotz, mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede.

Einhundert gleichgroße, gleichfarbige Quadrate bilden im streng proportionierten Rechteck des Dachgeschossraums ein regelmäßiges Raster, eine systematische Anordnung also, welche den Eindruck der Kongruenz der einzelnen Teile noch steigert. Und theoretisch, so das Konzept des Künstlers, müssten alle diese Bilder auch wirklich identisch sein, denn die Materialien und das Herstellungsverfahren, das heißt die Bedingungen der Entstehung, waren für alle Teile absolut gleich.
Als Material verwendet Schlichter ausschließlich industriell normierte Ware, unbearbeitete Spanplatten (100 x 100 cm) und braune Klebebandrollen (38 mm x 50 m). Ebenso normiert ist das Verfahren: pro Holzplatte wird eine einzige Rolle Klebeband geklebt, exakt linear, Stoß an Stoß, die erste Schicht horizontal von der oberen Kante nach unten, darüber eine zweite Schicht vertikal von links nach rechts. Der Vorgang wird wiederholt bis das Klebeband zu Ende ist.

Ohne einen weiteren Blick auf die Bilder zu werfen, zeigt schon ein einfacher Rechenvorgang, dass dieses vermeintlich so exakte und normierte Verfahren zumindest Fehlstellen aufweisen muss.
Denn die zwei Maßsysteme von Spanplatte und Klebeband sind nicht kompatibel. Ein 38 mm breites Klebeband paßt 26,315789 mal auf eine 100 cm Fläche, das heißt es paßt nicht, es geht nicht auf. Zudem haben auch industriell genormte Produkte gewisse Toleranzen, Ungenauigkeiten. Die Breite und Länge der Klebebänder ist, vorsichtig gesagt, ziemlich individuell. Dies führt zu Verschiebungen, die sich mit jeder weiteren Addition potenzieren. Ein weiterer Differenzfaktor, und vermutlich der größte, steckt im manuellen Verfahren. Bei jeder Klebestrecke wird das Band über die Seitenkante auf die Rückseite geführt und dort abgerissen. Denn nur so kann der Vorgang ohne diagonale Verschiebung fortgeführt werden. Alle diese Unterschiede mögen gering sein, sozusagen im Millimeterbereich, aber sie haben unberechenbare, erkennbare Konsequenzen.
Und deshalb sehen wir bei näherer Betrachtung, dass der Titel Differenzen eine sehr genaue Beschreibung des Sachverhalts ist. Kein Bild ist wie das andere. An allen möglichen und unmöglichen Stellen geht plötzlich das Klebeband zu Ende, an Unterkanten und Ecken blitzt die Spanplatte hervor. Und dann gibt es, wie in jeder Gruppe, auch noch einen richtigen Aussenseiter, eine Bildtafel, auf der mit einer brandlochartigen Fehlstelle im Klebeband der Begriff Produktionsfehler anschaulich wird.

Mit der Ausstellung Differenzen gibt die Stiftung für konkrete Kunst dem Künstler Steffen Schlichter zum dritten Mal am selben Ort die Gelegenheit zu einer Installation, die woanders so wohl nicht möglich gewesen wäre.

1997 in der Ausstellung 766 x in der Stiftung für konkrete Kunst, blieben die Exponate, 766 in die weißen Wände geschlagene Nagellöcher, relativ unsichtbar. Information und Wahrnehmbarkeit waren auf ein fast provokatives Minimum reduziert. Sieben Jahre später, 2004, 766 x (Wiederaufnahme: 0 KB), verteilte Schlichter 766 CD-Rohlinge nach dem Zufallsprinzip über dieselben Wände. Die verwendeten CDs waren unbespielt, sie enthielten kein Zeichen, keine abrufbare Information. Doch für den Betrachter lieferten die reflektierenden, in allen Regenbogenfarben schillernden Metalloberflächen ein Maximum von 766 unterschiedlichen physikalischen Signalen.
Ob, und wenn ja, welche Differenzen wir an den ebenfalls vermeintlich gleichen 766 Nagellöchern oder 766 CD-Rohlingen hätten erkennen können, ist heute nicht mehr feststellbar. Darum ging es damals auch nicht. Die Arbeit von Steffen Schlichter hat sich verändert, weiterentwickelt. Diese Entwicklung wurde in den vergangenen Jahren von der Stiftung konsequent begleitet, in allen großen thematischen Ausstelllungen wurden Einzel- oder Serienwerke von Schlichter gezeigt.
So betrachtet ist die Installation Differenzen nur ein Moment unter vielen, wenn auch ein besonderer.

GK 12.5.2014

Fotos: Steffen Schlichter

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