Erik Sturm
Zeitspeicher

30.9.2012 - 22.12.2012

Eine Ausstellung war bereits da: arte concreta arte povera, Kunst der 1960er und 1970er Jahre aus Italien. Mitten hinein und unübersehbar hat nun Erik Sturm seine Zeitspeicher in die bestehende Ausstellung eingebaut. Bunt und fetzig geht es zu: große Plakatabrisse liegen auf dem Boden oder rollen sich zu einer Wand. Aus Litfaßsäulen gesägte, zentnerschwere Papier-Leim-Schichten türmen sich zu konkaven oder konvexen Objekten, sorgsam getrennte Plakatschichten sind zu Büchern gebunden oder wie ein Teppich ausgelegt, eine Serie perfekt restaurierter Plakate liegt unter Glas. Wohin man schaut, Werbung total, verklebte, zerknitterte, mal verdeckte, mal aufgeblätterte Erinnerungen, visuelle Zeitschichten der letzten 30 Jahre.





Kunst und Reklame, dieses Thema ist nicht neu, vor mehr als 50 Jahren haben Künstler wie Mimmo Rotella, Raymond Hains oder François Dufrêne, die sogenannten Affichisten innerhalb der Gruppe der Nouveaux Réalistes, den Plakatabriss zur Kunstrichtung erhoben. Die Ästhetisierung von Produkten der öffentlichen Konsum- und Warenwelt war damals eine gezielte Provokation, die Haltung der Künstler ästhetisch wie politisch subversiv. Ein halbes Jahrhundert später sind die Werke der Affichisten hoch gehandelte Auktionsobjekte und Provokation ist durch Kunstobjekte oder Aktionen nur noch schwerlich zu erzeugen.



Erik Sturm, 1982 geboren, studiert seit 2009 (nach einem Diplom Visuelle Kommunikation an der Merz Akademie) an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart bei Christian Jankowski. Seit 2006 beschäftigt er sich mit den verschiedenen Medien der Werbung im öffentlichen Raum, sein besonderes Interesse gilt dabei der Litfaßsäule. 1855 in Berlin erstmals von Ernst Litfaß errichtet, ist die auch 'Allgemeinstelle' genannte Säule die älteste Form der Außenwerbung. 2010 gab es noch über 50.000 Litfaßsäulen in Deutschland, doch ihre Tage sind gezählt, sie werden immer mehr von den digitalen Medien verdrängt


Für Sturm sind die teilweise über Jahrzehnte über- einandergeklebten, wie in Jahresringen 'gewachsenen' Plakatschichten wesentliche Archive der Stadtkultur. Er versteht sich nicht als Provokateur, sondern als 'Stadtarchäologe'. Eine der ältesten (und dicksten) Stuttgarter Litfaßsäulen hat der Künstler 2010 vor der bevorstehenden Entsorgung gerettet. Aus ihr entstanden die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten Zeitspeicherbuch Nr.12, Selbstportät (2010-1982) und Zeitgeistexpress. Und auch in Reutlingen hat Sturm "Rückstände der Hyperrealität" gefunden, von einer Säule aus der Wilhelmstraße stammen die in Codextrümmer (2011-2007) sichtbaren Plakatschichten.


Trotz der vielen genannten und ausgestellten Papierschichten und Plakatabrisse, Erik Sturm ist nicht der 'Litfaßsäulen-Künstler'. Auf seinen Streifzügen durch die Städte sucht und findet er auch andere Dinge, zum Beispiel die an alte Autos gesteckten Kärtchen von Autohändlern, die er über lange Zeit gesammelt hat und aus denen jetzt das Objekt Autoexport (eine mit Auto-Export-Kärtchen gespickte Autotüre) entstanden ist.



Bei Google Fridge Magnets mußte er nicht lange sammeln, das Material fand er in São Paulo, wo ein Straßenjunge selbst hergestellte, kleine Magnetkärtchen mit Motiven aus Google-Bilddateien zum Verkauf anbot. Sturm kaufte ihm alle vorhandenen 218 Magnetbildchen ab und ordnete sie auf einer großen Metallplatte zu einem Musée imaginaire der Internetkultur.

Für Erik Sturm war diese Ausstellung eine besondere Herausforderung. Zeitspeicher ist seine erste große Ausstellung und er mußte nicht nur auf die musealen Räume, sondern auch auf die vorhandenen Exponate reagieren. Raum für Raum, Künstler für Künstler und Werk für Werk hat er sich erarbeitet und entstanden ist weniger eine Konfrontation als vielmehr ein spannender Dialog. Diese Ausstellung in der Ausstellung eröffnet neue Dimensionen, und da kann es passieren, so wie im richtigen Leben oder wie auf einer Litfaßsäule, dass Zeiten und Welten aufeinanderstoßen, und dass Antigone plötzlich auf Die Ehre der Prizzi trifft.

GK 26.9.2012