undsoweiter 7,8,9
Dadamaino Böhm Wulffen

22.05.-29.10.2011

Dadamaino, Alfabeto della mente
Hartmut Böhm, Gegenüberstellung
Christian Wulffen, Zaun I, 1-10







Ein drittes und letztes Mal setzt die Stiftung für konkrete Kunst ihre Ausstellungsreihe undsoweiter fort und stellt unter den Nummern 7,8,9 auf drei Etagen Reihenwerke der Sammlungen vor.
Das Konzept, das im April 2010 mit Aurelie Nemours (Le long chemin), Nikolaus Koliusis (Round-About) und Thomas Lenk (Alpha-Omega) begann, im November 2010 mit Michael Rouillard (Lighter Still), Douglas Allsop (Thirteen Reflective Editors) und Anton Stankowski (System einer Farbharmonie) fortgeführt wurde, findet nun seinen Abschluß. Noch einmal geht es um drei Künstler, Dadamaino, Böhm, Wulffen, um drei unterschiedliche künstlerische Haltungen. Noch einmal geht es um Begriffe wie Kontinuität und Innovation, Integration und Konfrontation, Grundelement und Kombination.

Dreizehn zwei Meter hohe, weiße, mit kleinen schwarzen Tuschestrichen bedeckte Leinwandbahnen hängen in einer langen Reihe an der Hauptwand des Dachgeschosses. Auf ihnen buchstabiert Dadamaino (1935-2004) ihr Alfabeto della mente (das Alphabet des Geistes). Über einen Zeitraum von drei Jahren (1976-1979) hat die Künstlerin 'Briefe' geschrieben (Lettera - Brief - steht auf der Rückseite der einzelnen Leinwände). Jeder Brief ist die stetige Wiederholung eines einzigen Zeichens. Dadamaino hat Zeichen an Zeichen gesetzt, mit der, wie sie selbst sagte, einzigen Bedingung "ein Zeichen so lange zu wiederholen, bis der gesamte Raum ausgefüllt ist, den ich mir vorgegeben habe". In diesen Briefen, in all diesen Zeichen ohne Semantik, lesen wir Zeile für Zeile unmittelbar von den inneren Vorgängen der Künstlerin, entziffern wir Spuren von Zeit.
Undsoweiter 7: die weißen, lose hängenden Leinwände von Dadamaino lassen uns an asiatische Rollbilder, an Kalligrafien denken, deren ästhetische Qualität wir erfassen, auch wenn uns ihre Bedeutung verschlossen bleibt. Und so stehen im selben Raum auf weißen Sockeln vier chinesische Gelehrtensteine. Seit der Song-Dynastie (960-1279) gehörten solche 'bizarren Steine' zu den 'zehn Dingen des feinen Geschmacks' und sie wurden, neben Werken der Malerei und der Schriftkunst, in den Studios der Gelehrten und hohen Beamten aufgestellt. Als Landschaften, als Abbilder des Universums, wurden sie gesehen, aber auch, und vor allem als rein ästhetische Objekte, an deren Form, Farbe und Struktur sich der Betrachter 'erfreuen' kann.

Die Veränderung im 2.Obergeschoß ist sofort spürbar: der Raum wirkt leer, die vielen quadratischen Bilder, die zuvor alle Wandflächen bedeckt hatten, sind verschwunden, nur die dreizehn Reflective Editors von Douglas Allsop sind geblieben. Sie erinnern an das Zuvor, ihre Position auf der Wand birgt noch die Hintergrundinformation der vergangenen Ausstellung, vor allem aber sind sie nun die reflektierende Projektionsfläche für undsoweiter 8.
Die Werkreihe Gegenüberstellung, elf aufeinander bezogene Bodenarbeiten, wurde von Hartmut Böhm (*1938) ursprünglich für die Erdgeschoßhalle der Stiftung konzipiert und im Winter 1999 dort ausgestellt. Aufgrund der neuen Ausstellungsbedingungen, einer anderen architektonischen Situation sowie der Präsenz der Werke eines zweiten Künstlers, hat Böhm nun, 2011, vor Ort eine neue Raumkonzeption erarbeitet.

Die Elemente aller Arbeiten sind identisch, Formstahlteile, industriell genormte Doppel-T-Träger (160 x 16 x 8,2 cm). Diese werden, abwechselnd flächig oder kantig gelegt, zu offenen oder geschlossenen Quadrat- und Kreuzformen addiert. Die Teile stoßen aneinander, sind jedoch nicht fest verbunden. Klar und eindeutig ist die geometrische 'Figur' von Kreuz und Quadrat nur in der Konstruktionszeichnung und im Grundriß. In der Ausstellung, in der direkten Konfrontation von Betrachter und Werk, werden die rechten Winkel spitz oder stumpf, die Linien überlagern, bündeln sich. Licht und Schatten werden zu wesentlichen Bestandteilen. Je nach Standort des Betrachters und Position der Träger ergeben die T-Profile eine Vielfalt unterschiedlicher Zwischenräume, Hohlräume, Leerräume, Durchblicke. Die technische Präzision und streng geometrische Konstruktion, welche theoretisch alle Arbeiten kennzeichnet, schlägt 'in der Praxis', in der direkten Anschauung unversehens um, zeigt Unschärfen, entwickelt eine erstaunliche, faszinierende Vieldeutigkeit.

Weitgehend unverändert war die Ausgangslage im Erdgeschoß: das Schaulager ist noch da, vielleicht sogar noch ein wenig kompakter, auch die Stankowski-Serie hängt noch hoch oben über den Kisten und Kartons. Trotz dieser visuell nicht einfachen Situation ist es Christian Wulffen (*1954) gelungen, eine deutlich sichtbare Spur zu hinterlassen. Ähnlich wie Böhm mußte auch Wulffen, der Ende April zur Vorbereitung der Ausstellung für einige Tage von Cleveland nach Reutlingen kam, auf die aktuelle Situation reagieren. Anders als in früheren Präsentationen, als die Einzelteile von Zaun I, 1-10 teilweise übereinander gestapelt und eher malerisch an die Wand gelehnt wurden, macht der Künstler sie diesmal zur realen Barrikade. Zwar erinnert die Horizontal- und Vertikalstruktur der Teile nur sehr entfernt an einen Zaun, die untere Hälfte ist offen, die rohen Bretter und Latten sind nur labil zusammengeschraubt, die ästhetische Funktion lag also bislang weit über der praktischen. Mit der neuen Installation hat Wulffen es geschafft, die beiden Funktionen neu zu definieren, sein Zaun versperrt alle vorderen Zugänge zum Lagerbereich und er bildet zugleich eine unübersehbare, ästhetische Grenzlinie im Raum.

Undsoweiter 9: die Kunstwerke der Sammlungen sind damit also nicht nur durch Verpackung in Kisten und Kartons den Blicken der Besucher entzogen, sondern darüberhinaus für eine bestimmte Zeit auch noch räumlich unerreichbar. Um sie dennoch sichtbar zu machen, wurden diesseits des Zauns, auf einer 13 m² großen Tischfläche, zahlreiche Kataloge und Fotobücher der Stiftung ausgelegt. Bei einem Gang um den Tisch kann sich der Besucher 23 Jahre und 94 Ausstellungen in Erinnerung bringen.

GK 16.5.2011
Fotos: Steffen Schlichter