Horst Bartnig in der Stiftung

30. 11. 2008–29. 4. 2009


Falls Sie bislang noch nicht wussten, was konkrete Kunst ist, hier und heute können Sie es lernen. Denn Horst Bartnig ist ein 100prozentiger Vertreter der konkreten Kunst. Gut, ich weiß, die Puristen heben jetzt gleich den Finger und zeigen auf die vielen Grün-, Orange- oder Violett-Töne, und auf die Diagonalen, die hier überall auftauchen. Und ich höre den Satz: das hat Piet Mondrian aber nicht gewollt. Und schon sind wir mitten im Streit um die Begriffe. Und dann könnte ich mit Theo van Doesburg oder Max Bill ganz leicht dagegen halten, aus deren berühmten Aufsätzen zur konkreten Kunst zitieren, und den Kritikern viel Grün und Braun und Orange und Violett und ebenso viele Diagonalen oder Spiralen in der Geschichte der konkreten Kunst vor Augen führen.

Aber lassen wir das. Dann sage ich eben: Horst Bartnig ist ein 99prozentiger Vertreter der konkreten Kunst. Ob 100 oder 99, sagen Sie jetzt, das macht ja wohl keinen großen Unterschied, doch da muss ich Ihnen ausdrücklich widersprechen und damit sind wir mitten im Werk von Horst Bartnig. Bei diesem Künstler kommt es auf jede Zahl, auf jeden Strich, auf jedes Quadrat, auf jedes Element an. Da ist kein Strich, keine Unterbrechung, kein Quadrat zu viel oder zu wenig. Und egal ob es nun 70, 136 oder 1044 Variationen über das Quadrat sind, immer gilt der Satz "es ist keine doppelt und es fehlt auch keine".

Dieser Satz stand übrigens auf der Einladung zur Ausstellung von Horst Bartnig im Sommer 2005 in der Stiftung für konkrete Kunst. Die variationen mit vier mal vier quadraten in vier farben, deren 136 Teile damals auf die gesamte Etage im 2.Obergeschoß verteilt waren, sind heute sehr komprimiert im Dachgeschoß zu sehen. Da kommt unser Sehen so richtig in Schwung, der Blick springt kreuz und quer, die Farbflächen beginnen vor unseren Augen zu flimmern. Rasch stellen wir fest, dass wir auch uns selbst in Bewegung setzen müssen, denn das 'Bild', dieses Superbild, ist zu groß für eine statische Betrachtung. Wem das zu bunt wird, der kann sich umdrehen und die lange Reihe der 22 Bilder betrachten. Hier handelt es sich übrigens, wie ich beim Verfassen dieses Textes bemerkt habe, um eines der Werke, das wir visuell sofort erfassen, dessen sprachliche Beschreibung aber äußerst komplex ist.







Ich könnte Ihnen jetzt etwas von 2 x 11 in vier Quadrate unterteilten Quadraten erzählen, von den drei Farben Schwarz, Blau und Grün und dass der Anteil der Farbe Schwarz von Bild 1–11 abnimmt und von Bild 12–22 wieder zunimmt. Aber das hilft Ihnen auch nicht weiter und deshalb empfehle ich Ihnen anschließend die direkte Anschauung im Dachgeschoß. Dort gibt es dann auch noch weitere Variationen zum Quadrat: in den seitlichen Durchgängen hängen vier großformatige Bildtafeln, ja man könnte fast sagen, vier Kompendien zur Quadratvariation in unterschiedlich komplexer Farbkombination.

Auf den vorderen Außenwänden schließlich dann zwei Serien von Holzreliefs, zwar unbunt, aber visuell nicht weniger anspruchsvoll. Profis haben hier übrigens die Möglichkeit, die Reliefserie 136 variationen mit 4 gleichen elementen mit der 136er Bildserie im Innenraum auf ihre Kongruenz hin zu vergleichen.

Anfängern, um im Bild zu bleiben, empfehle ich zunächst die Betrachtung von sogenannten Basisbildern, deren Form- und Farbvielfalt sich in überschaubaren Grenzen hält. Vielleicht zuerst im 2.Obergeschoß die Serie ein weißes quadrat, ein hellgraues quadrat, ein dunkelgraues quadrat, ein schwarzes quadrat. Der Zusammenhang mit der großen Bildserie im Dachgeschoß wird später klar. Etwas fortgeschrittener sind dann schon die optischen Effekte der Serie gelbe und schwarze dreiecke '2016', deren sechs Teile wir bewußt getrennt präsentieren. Im Kontrast dazu steht die Einfachheit der vier 'Winkelbilder' mit jeweils nur drei Farben, einem Rechteck und zwei Quadraten, wie zum Beispiel ein rechteck in purpur, zwei quadrate in rot und grün. In diesen, auch dieser Begriff sei einmal erlaubt, 'schönen' Bildern erleben wir die Wirkung und Wirksamkeit von Farben. Die bekannten Phänomene von Komplementärkontrast, die Veränderung reiner Farbwerte durch Umgebungsfarben, die Setzung von Hell–Dunkel- oder Warm–Kalt-Kontrasten, dies alles bringt der Maler Bartnig zu neuer Anschauung.

Der nächste Schritt, um das Werk von Horst Bartnig zu 'begreifen', könnten dann die aus 8 gleichen Elementen konstruierten Holzskulpturen sein, durchbrochene geometrische Körper, bei welchen sich die Volumina von Form und Hohlform exakt entsprechen. Das heißt, wenn wir im Kopf alle Kantenlinien der Holzquader zu einem Würfel ergänzen, dann enthält dieser genau soviel Holz wie Luft.

Wieder so eine Beschreibung, wo der Begriff das Ding nicht erfasst, also schauen Sie einfach hin und intuitiv ist alles klar. Und eines kann ich Ihnen versprechen: diese Ausstellung bringt uns alle in der Professionalisierung unseres Sehens einen großen Schritt weiter.







Von der dritten Dimension, von Form und Hohlform, von Holz und Luft, gehen wir nun wieder zurück in die Fläche, zu Strich und Nicht-Strich, und kommen zum Schwerpunkt der Ausstellung zu den Unterbrechungsbildern. Die Bilderfindung der Unterbrechungen hat Horst Bartnig innerhalb der konkreten Kunst international bekannt gemacht. Das Prinzip ist immer das gleiche: auf einer großformatigen quadratischen Bildfläche wird eine vertikal fortlaufende Linie regelmäßig, an exakt berechneten Stellen unterbrochen. Die Unterbrechungen machen die Linie zum Strich. Alle Striche (und alle berechneten Unterbrechungen) auf einem Bild sind gleich lang. Wird die Strichlänge durch die untere Bildkante unterbrochen, so wird der Reststrich in der nächsten Vertikalreihe in Gegenrichtung, von unten nach oben fortgesetzt. Durch diese Verschiebung, wie auch durch den Wechsel von Strich und Nicht-Strich, wird die Bildfläche rhythmisiert, im Auge des Betrachters entstehen diagonale Bildraster. Diese Wirkung wird noch verstärkt, wenn wir die Bilder von der Seite aus betrachten, wozu uns der Künstler ausdrücklich auffordert, denn der wechselnde Standpunkt gibt dem Bild, wie Bartnig sagt "sein Leben".

Es sei nochmals betont, die Diagonale ist nicht gemalt, sie existiert nur in unserem Kopf. Zugleich sei aber zugegeben, dass Horst Bartnig, die Entstehung dieser Diagonalen nicht nur akzeptiert, sondern dass er deren Möglichkeit ganz bewußt erzeugt. Das heißt, wir sehen nicht nur möglicherweise, sondern notwendigerweise etwas, was gar nicht da ist. Für diese Erfahrung liefert uns die Ausstellung Versuchsobjekte unterschiedlicher Komplexität: von 114 unterbrechungen in gelb 114 striche in grün (2000) bis hin zu 4770 unterbrechungen 4770 striche in 7 farben (1990).

Bislang hatte ich nur von der formalen Struktur der Unterbrechungsbilder gesprochen, sozusagen in Schwarz-Weiß. Doch die meisten Bilder, die Sie hier sehen, sind farbig, teilweise sehr farbig. Und wieder muss ich Sie warnen, denn wieder sehen wir teilweise etwas, was gar nicht da ist. So wie die Vertikalen zur Diagonale werden, so mischen sich die gemalten Farbstriche in unserer Wahrnehmung zur ganz neuen Farbtönen, die Farbfläche der Unterbrechungen verbindet sich zum Bildgrund, die Striche werden zur 'Figur'.

Apropos Figur, jetzt muß ich kurz unterbrechen und Ihnen erklären, weshalb die Ausstellung Horst Bartnig in der Stiftung heißt. Denn das 'in der Stiftung' ist ja eigentlich eine redundante Information,  w ä r e  eine redundante Information, wenn sich der Titel nur auf den Ort beziehen würde. Aber, und deshalb die Unterbrechung beim Stichwort Figur, Sie treffen an drei Orten in der Ausstellung auf Figuren der anderen Art, auf kleine prähistorische Idole, auf gemalte Heilige, auf afrikanische Holzpuppen, auf Gegenstände anderer Zeiten und Kulturen. Es handelt sich dabei, und manche von Ihnen werden sich erinnern, an Exponate unserer vorangegangenen Ausstellung Ähnlichkeiten – Hommage à Fortuny. Diese haben sich sozusagen zusammengetan und auf drei 'Inseln' in die neue Ausstellung herübergerettet. Sie nehmen Kontakt auf zu der veränderten Umgebung, zu der konkreten Bildsprache von Horst Bartnig, und verweisen damit einmal mehr auf das spezifische Konzept unserer Stiftung, Kunstwerke nicht isoliert zu betrachten, sondern in einen bis dahin unbekannten Kontext zu stellen. Wir finden das spannend, ich hoffe, Sie auch.
















Damit ist die Unterbrechung zu Ende und ich komme zu Horst Bartnig zurück und zwar am richtigen Punkt, nämlich der Kombination von zwei Systemen. Bisher hatte ich eine, wie ich glaubte, berechtigte Unterscheidung gemacht zwischen den Quadraten und den Strichen, die Quadrate wurden variiert, die Striche unterbrochen. Nun gibt es aber in der Ausstellung drei Bilder, die zwar auch Unterbrechungen heißen, auf denen aber keine Striche, sondern viele kleine Quadrate zu sehen sind, exakt 1134 auf jedem Bild. Jetzt können wir beweisen, was wir bei Horst Bartnig gelernt haben. Wenn wir nämlich, wie bei den vorangegangenen Unterbrechungsbildern, links oben beginnen und in vertikaler Richtung fortfahren, dann spüren wir plötzlich eine Verbindung zwischen den kleinen Quadraten, eine Linie, die am unteren Bildrand nicht abbricht, sondern uns horizontal nach rechts weiterführt und am rechten Rand wieder nach oben, und dort wieder nach links und dann wieder nach unten und immer weiter, eine Bewegung gegen den Uhrzeigersinn.

Und dann kommt zur Anschauung der Begriff: wir sehen eine Spirale. Und wenn wir dann diese rechteckige Spirale wieder zurückverfolgen, dann entdecken wir am rechten oberen Rand eine Lücke. Dort beginnt die Spirale, nicht links, sondern rechts beginnt das Bild. Damit war nun wirklich nicht zu rechnen. Denn anders als bei den Bartnigschen Diagonalen ist diese Spiralstruktur wirklich gemalt, und so verlassen wir kreiselnd die Klasse der vertikalen Ordnung mit der Erfahrung, dass wir auch bei Horst Bartnig vor Überraschungen nicht sicher sind.

Dabei ist er einer der Künstler, die aus ihrer Arbeit kein geniales Geheimnis machen. Jede Regel, jede Rechenoperation ist nachvollziehbar, alle Informationen, die der Betrachter zur Decodierung braucht, sind im Titel des Werks angegeben. Und Bartnig begibt sich auch nicht in die mystischen Sphären der Zahl π oder der Fibonacci Reihe, sondern bleibt auf dem Boden der Abzählbarkeit.

Seine Unterbrechungen sind keine Details einer unendlichen Idee, sondern jeweils abgeschlossene Systeme, wenn er 114 Striche malt, dann meint er auch 114 und keinen einzigen mehr. Das Prinzip der Unterbrechung, das Horst Bartnig für die konkrete Kunst zum Thema gemacht hat, ist ein Verfahren, das uns nur zu bekannt ist. Positiv wie negativ. Das Intervall in der Musik, das Kapitel im Buch, der Akt im Theaterstück, der Filmschnitt, die Pause. Von den Rauchzeichen der Indianer über das Morsealphabet bis hin zum Computer, das Ein–Aus, der Abstand, die Unterbrechung, sind notwendiger Bestandteil jeder Information und Kommunikation. Und wenn Sie mit dem Auto zu dieser Ausstellungseröffnung gekommen sind, dann haben Sie, ohne es zu ahnen, schon eine gute Einübung auf die Bilder von Horst Bartnig hinter sich. Strich – Unterbrechung – Strich, ohne die Leitlinien auf der Fahrbahn wäre Ihnen die Orientierung sicher nicht so leicht gefallen. Sie sehen, das Prinzip der Unterbrechung ist konstant. Die permanente Unterbrechung wird allerdings zum Problem. 'ADT Attention Deficit Trait' nennen Psychologen das Phänomen. Viele Menschen kommen vor lauter Anrufen, E-mails und SMS überhaupt nicht mehr zum Arbeiten und schon gar nicht zur Ruhe. Die totale Vernetzung durch Internet und Mobilfunk zwingt uns in eine von Zeit und Raum losgelöste, stetige Verfügbarkeit.



Fehlende Aufmerksamkeit, massive Konzentrationsstörungen sind nicht mehr das Problem einiger hyperaktiver Patienten, sondern werden immer mehr zum allgemeinen Charakterzug, dies hat nicht nur psychologische, sondern auch gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Folgen.

Unaufmerksamkeit – das können wir uns bei der Kunst nicht leisten. Und schon gar nicht bei dieser Ausstellung von Horst Bartnig. Da herrscht höchste Konzentration. Deshalb habe ich diesmal auch auf biografische Details verzichtet. Die wurden bereits beim letzten Mal ausführlich vorgetragen und außerdem ist der Künstler ja hier und Sie können ihn, was Sie in dieser Richtung interessiert, selbst fragen.



Nicht verzichten möchte ich jedoch darauf, Ihnen noch etwas zu zeigen. Es ist die Fotokopie eines Blattes, das der berühmte japanische Künstler Katsushika Hokusai geschaffen hat. Im vergangenen Jahr war es übrigens im Original auf der documenta 12 in Kassel zu sehen. Der Holzschnitt stammt aus einer 'Sammlung von Entwürfen zur Verzierung kunsthandwerklicher Erzeugnisse' aus dem Jahr 1835. Als ich vor vielen Jahren das erste Mal ein Unterbrechungsbild von Horst Bartnig sah, fiel mir spontan dieses Blatt ein. Weshalb? Das dürfen Sie nun selbst erraten.

GK 30. 11. 2008

Fotos: Nikolaus Koliusis (Raum und Details), Uwe Seyl ('Inseln')