Der zweite Blick

23. 5. 2007–27. 10. 2007
Werke der Sammlung


Die Ausstellung Der zweite Blick ist die dritte Stufe eines Experiments mit Konstanten und Variablen. Begonnen hatte es im Dezember 2006. Unter dem Titel Additiv, Parallel, Synchron wurden im 2.Obergeschoss vierzehn Werke von vierzehn Künstlern gezeigt: Allsop, Arndt, Beech, Benson, Böhm, Koliusis, Maltz, Nixon, Reusch, Sander, Schlichter, Staroske, Wulffen, Zoderer. Arbeiten, die bis dahin noch nie oder nur an anderem Ort zu sehen waren, zusammengestellt nach dem Prinzip der Differenz, das heißt Werke, die in ihrer Form, in Material und künstlerischer Konzeption extrem unterschiedlich sind.

Im März 2007 wurde dieses Prinzip dann im Dachgeschossraum um sechs künstlerische Positionen erweitert. Klassisch konkret ist die variation mit vier mal vier quadraten in vier farben von Horst Bartnig und die vierteilige Arbeit Radicals von Margarete Dreher. Nicht Anonymität und technische Perfektion, sondern der Prozeß des Malens und die sinnliche Qualität von Farbe (hier Englischrot und Blauschwarz) dominieren das Bild Ohne Titel von Günther Wizemann. Die konstruktive Strenge des rechten Winkels bricht Manfred Mohr in seinem Relief P 224/C, einem komplexen System von Würfelschnitten, nicht nur in der Bildsprache, sondern auch indem er die quadratischen Leinwände auf die Spitze stellt. Nicht mit der Linie, sondern mit dem Beil teilt Michael Gitlin in Stampa's Room die schwarze Fläche einer 4 m langen Holzlatte. Ein Teil ist horizontal oben an die Wand genagelt, das andere klappt der Schwerkraft folgend diagonal nach unten. Konkreter kann das Prinzip des Teilens nicht gezeigt werden.



Mixed Blue von Alan Green, dasselbe Blau in fünf unterschiedlichen Oberflächenstrukturen, ergibt einen Farbraum aus fünf unterschiedlichen Blautönen. Doch auch nach dieser ersten Erweiterung blieben im Depot der Stiftung immer noch viel zu viele, nie gezeigte Kunstwerke, die gut in das Konzept dieser Ausstellung passten. Und in den beiden Ausstellungsetagen war noch ausreichend Platz für eine Ergänzung oder Verdichtung der Exponate. Der zweite Blick trifft also auf eine zwar in Teilen bekannte und doch neue Situation. Die große quadratische Goldfläche der Carré, Or Suite et Fin von Bernard Aubertin vermittelt im 2.Obergeschoss nun plötzlich zwischen den zuvor unverbundenen Bodenarbeiten von John Beech und Steffen Schlichter. Und seine aktuellen Triptyques tricolores bilden einen vielfarbigen Hintergrund für Christian Wulffens Zaun I, 1-10. Ein drehbares Rot-Gelb-Blau-Relief von Hermann Glöckner bringt Bewegung in die dunkle Massivität der übereinandergeschichteten Eisenträger von Hartmut Böhm. In den Edelstahlplatten von Nikolaus Koliusis spiegelt sich ein Coucher du soleil von Adrian Schiess.



Die grau-metallig schimmernden Oberflächen der Untitled series of 6 paintings von Jon Groom korrespondieren mit Götz Arndts quadratischen Beton-platten. Zwischen die starkfarbigen Lackflächen von Andrea Staroskes Sacra Conversazione mischen sich kleine, grau/weiß/beige Block-Paintings von John Nixon.



Die Farbskala der Composition Nr.33 von Henryk Stazewski antwortet mit systematischer Reihung auf Beat Zoderers Strichbild N°5. Und schließlich verändert das strahlende Weiß (Initial) und das tiefe Schwarz (Marker) der beiden monochromen Tafeln von Tom Benson unsere Sicht auf den schwarzen Gasruß in Erich Reuschs Elektrostatisches Objekt und die weißgetünchten Flächen von Russell Maltz' Floor stack #3. Im Dachgeschossraum liegt unübersehbar mitten im Raum ein großes Wandstück, die Broken Border Installation der Amerikanerin Jill Baroff. Nicht weit entfernt, ebenfalls auf dem Boden, verstärken die grünen und schwarzen Punkte in Vera Molnars Mouvement diagonal vert et noir die Instabilität der Würfelschnitte von Manfred Mohr. Deren ungewöhnliche Hängung (auf der Spitze des Quadrats) nimmt an der Wand gegenüber das knallorangene Model Painting von John Nixon auf, welches von der Farbe her wiederum mit Horst Bartnigs Variation korrespondiert.

Fotos: Nikolaus Koliusis