Nikolaus Koliusis: Sur-Face (konkret)

11. 6.–29. 10. 2006


In additiver Reihung, fast wie bei einem klassischen Bilderfries, hat Nikolaus Koliusis (*1953) zwanzig großformatige, polierte Edelstahlplatten im Dachgeschoß an eine lange Wand gehängt. Die Arbeit Sur-Face (Ober-Fläche) wurde nicht für diesen Raum gemacht, sie entstand bereits im letzten Jahr. Einen Sommer lang lagen die 250 x 125 cm großen Spiegelplatten im Freien, wie zufällig verstreut auf einer Wiese im historischen Kurpark von Bad Homburg, als Teil der internationalen Skupturenausstellung Blickachsen 5.



Das Konzept von Nikolaus Koliusis, durch Reflexion, Spiegelung oder Filterung von Licht, den Betrachter und den jeweiligen Raum zum wesentlichen Bestandteil seiner Arbeiten zu machen, war in der Parklandschaft von Bad Homburg besonders anschaulich. Himmel, Wolken, Bäume und Menschen spiegelten sich in den auf dem Boden liegenden Edelstahlflächen, ständig wechselnde Bilder entstanden, der Blick nach Unten wurde in die grenzenlose Tiefe des Oben gezogen, die Welt stand auf dem Kopf, die Schwerkraft schien aufgehoben.



Am Ende des Sommers wurden die Platten abmontiert und ins Depot des Künstlers gebracht. Alle Bilder waren gelöscht, der Bildspeicher war wieder leer. Nun, ein Jahr später, kann das 'lichtempfindliche Material' neu belichtet werden, an anderem Ort soll Sur-Face wieder konkret werden, neue Bilder erzeugen. Die Situation könnte nicht gegensätzlicher sein. Statt in freier Natur, weit verstreut ins grüne Gras gelegt, sind die Platten nun in einem weißen, neutral-musealen Innenraum in einer Linie und 'en face' an die Wand geschraubt. Nicht das unendliche Blau des Himmels, sondern leere weiße Wände, der Holzfußboden und die Konstruktion der Oberlichtfenster sind nun das 'konkrete' Bildprogramm. Die Installation Sur-Face (konkret) zeigt ein weiteres Mal die extreme Beziehung von Raum und Werk bei Nikolaus Koliusis. Seine Arbeiten können nicht einfach 'wo anders' sein, sondern sie verändern sich qualitativ mit jeder neuen Raumsituation.



Die aktuelle Ausstellung zeigt allerdings, dass der Arbeitsspeicher von Sur-Face nicht vollständig gelöscht werden konnte: die Zeit unter freiem Himmel hat auf den 'Bildträgern' Spuren hinterlassen. Die ursprünglich perfekten, absolut planen Edelstahlplatten sind verbeult, an den Kanten verbogen, zerkratzt. Die Spiegel haben ihre technische Neutralität verloren, sie sind individualisiert, haben Geschichte. Und diese Veränderungen beeinflussen nun unser Sehen, unser Blick tastet die Oberflächen ab. Auch wenn dies nicht in der Intention des Künstlers liegt, ihr sogar widerspricht, der Betrachter kann sich dieser Patina nicht völlig entziehen. Und das Feld der Assoziationen ist weit, reicht vom Spiegelsaal eines Barockschlosses bis zur Testreihe in einer Materialprüfungsanstalt. Der erste Eindruck war jedoch falsch, Nikolaus Koliusis hat keine Bilder an die Wand gehängt, sondern er hat aus Oberflächen Räume gemacht.

Fotos: Nikolaus Koliusis

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