Douglas Allsop: Nine Reflective Editors

13. 11.2005–25. 2. 2006


DOPPELWELT

Schwarz und Weiß
Schwarz-weiß ist die erste Information, die wir erhalten, wenn wir auf einen Reflective Editor von Douglas Allsop treffen. Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Schwarz-Weiß ist bereits ein zweiter Schritt, ist Reduktion, Abstraktion, ist Form und Struktur. Schwarz-Weiß meint das Allgemeine, nicht das Besondere, ist mehr gedacht als gesehen. Schwarz und Weiß benennt extreme Positionen, physikalisch, wahrnehmungstheoretisch wie metaphorisch, doch zwischen den beiden Punkten zieht sich eine Linie, ist Raum für unendlich viele Töne und Stufen, für Differenzierung und Spannung, für unser Sehen und Denken.

Die Welt ist voller Farben, und doch erscheint uns oftmals und gerade heute, das Schwarz-weißbild authentischer zu sein, objektiver, näher an der Wahrheit. Denn es hält Distanz, gibt gar nicht erst vor die Wirklichkeit 1:1 abzubilden, zeigt offen die Differenz zwischen direktem Erleben und medialer Vermittlung und läßt unserer Vorstellungskraft mehr Freiheit. Schwarzweiß in Fotografie und Film ist heute nicht mehr technische Notwendigkeit, sondern bewußt gewähltes Stilmittel. Für die künstlerische Entwicklung von Douglas Allsop sind Fotografie und Film, die Erzeugung von Bildern mittels Licht, von grundlegender Bedeutung. Das latente Bild, Begriffe wie Objektiv, Blende, Mattscheibe, Positiv, Negativ, Projektion, Filter und Raster, sie alle sind für Allsop nicht technisches Vokabular, sondern Inhalt seiner Arbeit. Die Dynamik und Instabilität schwarz-monochromer, reflektierender Tafeln und der Schnitt in die Fläche sind von Anfang an sein Thema. Waren es früher bemalte, lackierte oder beschichtete Platten aus MDF oder Resopal, die der Künstler mit äußerster Sorgfalt so lange bearbeitete, bis die Oberfläche absolut perfekt und spiegelglatt war, so wählt er nun für die neuen Werkreihen der Blind Screens und Reflective Editors bereits stark reflektierende, technische Materialien wie Videotape oder Acrylglas. Das 'Bild' ist nicht mehr handwerkliches Produkt, sondern wird skizziert, konstruiert und dann nach den exakten Entwurfsplänen des Künstlers industriell hergestellt. Der Maler wird zum Ingenieur.



Anschauung und Begriff
Die Ausstellung: Nine Reflective Editors, neun gleichformatige Arbeiten sind in einem großen Raum verteilt. Jede hängt für sich an einer Wand und hat doch Verbindung zu den anderen: sie ist zur gleichen Zeit am gleichen Ort, manchmal sogar vis-à-vis, alle weisen äußerliche Ähnlichkeiten auf, wodurch jede nicht nur für sich, sondern auch als Teil eines Ganzen erscheint. Unser erster Blick ist Orientierung, sucht Gestalt, Prägnanz. Unsere Kriterien hierbei sind: Einfachheit, Einheitlichkeit, Regelmäßigkeit, Geschlossenheit, Symmetrie, Raumausrichtung. Jeder weitere Blick stellt eine neue Frage, die schwarz-weißen Formen differenzieren sich, die Anschauung sucht den Begriff. Das Objekt (ein Bild? eine Tafel?), eine großformatige, stark reflektierende, schwarz-weiß gerasterte Fläche widersetzt sich dem schnellen Zugriff. Unser Interesse ist geweckt, unser Blick fokussiert sich. Schritt für Schritt, von 'Bild' zu 'Bild' differenziert sich unsere Wahrnehmung, wir unterscheiden rund von eckig, klein von groß, glänzend von matt. Dieser Differenzierung des Schauens steht jedoch von Anfang an etwas entgegen. Unser analytischer Blick wird immer wieder gestört durch eine seltsame Vibration der Oberfläche, durch plötzlich auftauchende und wieder verschwindende schemenhafte Gegenstandsformen. Die optische Auflösung der Bildfläche ist ein Phänomen, das wir aus der Kunstgeschichte kennen. Von den Gemälden der französischen Impressionisten und Pointillisten des 19. Jahrhunderts, von Werken der OpArt, vor allem aber von der islamischen Ornamentik.

Doch Douglas Allsop löst die Fläche nicht nur optisch auf. An den Grenzen von Schwarz und Weiß entdecken wir dünne Schattenlinien, konkrete Kanten. Die scheinbar ebene Fläche ist in Wirklichkeit ein plastisches Relief, der Punkt oder Kreis ist bei genauer Betrachtung ein Loch, die Quadratfelder sind Elemente eines Gitters. Nach dieser Entdeckung geht unser Blick wieder zurück zum Ganzen: die kleinen runden oder eckigen Formen verbinden sich für uns zur Rasterstruktur, große Rasterelemente lösen sich aus der Fläche, werden wieder zu einer autonomen Einzelform. Wir beobachten, wie unterschiedliche Rastergrößen unsere Wahrnehmung qualitativ verändern. Wir benennen die Eigenschaften, die Merkmale der Dinge, wir konstatieren die jeweiligen Ähnlichkeiten und Unterschiede, stellen quantifizierbare Beziehungen (Lochanzahl, Lochabstände, Rastergrößen) zwischen den Objekten fest. Wir verbinden Anschauung und Begriff, wir urteilen. Doch dabei gibt es ein Problem: ein Gegenstand definiert sich an seinen Grenzen und exakt an diesen Grenzlinien, an den Außenkanten wie an den inneren Rasterlinien beobachten wir bei Allsops Objekten eine Doppelheit, die unser Sehen und Denken verunsichert.



Bild und Raum
Kunst und Wirklichkeit, eine zeitlos problematische Beziehung. Sie wurde zu Beginn des 20.Jahrhunderts noch einmal radikal neu definiert. Von Künstlern wie Malewitsch oder Mondrian mit einer Mischung aus strenger Systematik und metaphysischer Spekulation, von Marcel Duchamp durch die Einführung des Ready-made ironisch-pragmatisch. Beide Positionen hatten und haben weitreichende Folgen. Kunst und Wirklichkeit: in unserem Fall heißt die Frage: wo endet das Bild, wo beginnt die Wand? Was ist 'gemacht' und was ist 'geworden'? Was ist innen, was ist außen, was ist vorne, was hinten, was oben, was unten? Das vermeintliche Muster der Reflective Editors ist drei-dimensional, die Bildflächen sind perforiert. Runde oder eckige Lochungen geben den Blick frei auf das Dahinter, holen die Wand ins Bild. Die Wand ist nicht mehr nur Träger, sondern elementarer Bestandteil des Bildes. Bild und Wand ist eins. Die Grenzlinie zwischen Objekt und Raum ist verwischt, eine exakte Definition des Gegenstandes somit nicht möglich. Und dies ist weit mehr als nur ein optischer Effekt, dies ist eine prinzipiell andere Auffassung der Beziehung von Kunst und Wirklichkeit.

Den ersten Schnitt in die 'heilige Fläche' der Leinwand hatte vor über 50 Jahren Lucio Fontana gewagt. Er hat damit der Kunst eine neue Dimension erschlossen, das Bewußtsein des Raums, eines Raums, der sich ausdehnt ins Unendliche - oder ins Nichts. Das Loch im Bild: dort Fontanas revolutionäre Geste mit dem Rasiermesser, momenthaft, körperlich, provokativ, aktionistisch - hier Allsops technisch perfekte Raster, seriell produziert, mathematisch exakt, klar strukturiert, kritisch distanziert, eine systematische 'Hinter'-fragung des Objekts. Die beiden Phänomene trennt nicht nur ein halbes Jahrhundert, sondern eine prinzipiell andere künstlerische Fragestellung. Doch erstaunlich ist die Irritation und Faszination, die der Schnitt in Materie, das Durchbrechen von Fläche nach wie vor bei uns auslöst. Es ist wohl weniger die erkenntnistheoretische Verunsicherung des Gegenstandsbegriffs, sondern eher der Reiz des Verborgenen, auch des Verbotenen, den wir beim Blick 'dahinter' oder 'hindurch' empfinden. Und das Flimmern, das Vibrieren, die Auflösung der schwarz-weißen Rasterflächen bei Douglas Allsop verstärken diesen Effekt.



Reflexion und Reflexion
Bild und Wand fallen in eins, doch ein Reflective Editor ist nicht eins. Er ist sich niemals gleich, ändert sich stetig, mit jedem Wechsel, mit jedem Betrachter, mit Licht und Schatten, mit jedem Raum, zu jeder Zeit. Die Verbindung von schwarz-glänzendem Acrylglas und matt-weißen Wandausschnitten ergibt schon für sich allein ein Bild von höchster Komplexität. Doch die Intention des Künstlers geht einen Schritt weiter. Die 'schwarzen Spiegel' reflektieren die Umgebung, werden zur lichtempfindlichen Platte, erzeugen über ihre eigene Struktur hinaus eine stetige Vielfalt diverser Bilder. Sie holen Umraum und Betrachter in sich hinein, spiegeln die Welt und uns in sich, hinter sich, durch die Wand hindurch, hinter die Wand. Reflexion – virtuelle und doch wirkliche Bilder. Fläche und Raum sind nicht mehr zu trennen, das Kunstwerk ist nicht mehr eine geschlossene Form, verliert jede Statik. Der Reflective Editor (der Titel weist darauf hin) entwickelt eine autonome Aktivität, verarbeitet und liefert uns ständig neue Informationen. So kommt unversehens die Welt in das 'konkrete' Bild. Geometrisch gerasterte Abbilder des Innen- und Außenraums, Wände, Pfeiler, Türen, Fenster, Dächer, Fassaden, Bäume, Wolken, Himmel. Nicht zufällig wählt Douglas Allsop für seine Arbeiten die große langgestreckte Rechteckform, das traditionelle Panoramaformat der englischen Landschaftsmalerei. Die Größe der Fläche zwingt uns zur Bewegung, das Bild wird zur Filmsequenz. Ständig wechselnde 'Einstellungen' fordern unser Sehen und Denken, unsere Fähigkeit zur Reflexion. Und so wie wir uns selbst in diesen schwarzen Spiegeln wiedererkennen, Betrachter und Betrachtetes, Subjekt und Objekt in einem und zugleich sind, so führt uns das Reflektieren über eine Sache wieder auf uns selbst als reflektierendes Ich zurück.

Reflective Editor und Douglas Allsop
Was sagt uns ein Werk über den Künstler? Können wir aus diesen perfekten, schwarzweißen Rasterspiegelbildmaschinen irgendetwas über Douglas Allsop erfahren? Vielleicht dass er Ordnung und Perfektion oder die Farbe Schwarz liebt? Viel fotografiert? Raster mag? Gerne rechnet und zeichnet? Nein, so einfach ist es nicht. Aber wir haben für diese Ausstellung zusammen eine Woche lang intensiv gearbeitet, nachgedacht, geredet, gegessen und gelacht. Ich habe gesehen, wie er mit großer Liebe und Behutsamkeit die schwarzen Glasflächen aufgehängt, gereinigt und poliert hat. Wir standen nebeneinander zwischen zwei Reflective Editors und haben zugleich und doch jeder für sich die Bäume, die Häuser, den Himmel und uns selbst gesehen. Und er hat von sich erzählt, von Kindheitserinnerungen, von seinem Vater, der Flugzeugkonstrukteur war, von seinem Gefühl, als er zum ersten Mal die Akropolis sah, und immer wieder kam der Satz, dass Erinnerungen mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit sagen. Trotzdem würde ich nicht behaupten, Douglas Allsop zu kennen. So wenig, wie ich die Reflective Editors kenne. Denn jedesmal, wenn ich sie anschaue, sind sie anders, ein wenig anders. Und deshalb schaue ich sie immer wieder an. Ich kenne Douglas Allsop also nicht, aber wenn ich ein Werk von ihm sehe oder an ihn denke, dann fällt mir ein Satz ein, den Piero Manzoni 1960 formuliert hat, und dies kann kein Zufall sein: "man hebt nicht durch Laufen oder Springen vom Boden ab, dazu braucht man Flügel."

Gabriele Kübler



Fotos: Nikolaus Koliusis