Steffen Schlichter: 766 x (Wiederaufnahme: 0 KB)

5. 12. 2004–30. 3. 2005


766 x, so hieß schon einmal der Titel einer Ausstellung von Steffen Schlichter im Dachgeschoss der Stiftung für konkrete Kunst. Damals, im Oktober 1997, bekam jeder Besucher am Eingang ein kleines Kärtchen in die Hand, mit dem Aufdruck "In diesem Raum wurde 766 mal ein Nagel in die Wand geschlagen". Genauso lapidar wie diese Mitteilung war das Erlebnis beim Betreten der Ausstellung, der Raum war absolut leer. Die über die weißen Wände verteilten 'Exponate', kleine Nagellöcher, konnten nur nach und nach, und dann auch nur in jeweils kleinen Abschnitten wahrgenommen werden. Die Anzahl und Anordnung der Löcher folgte zwar einer strengen Systematik, diese war jedoch nicht unmittelbar 'ablesbar'. Ohne auf die komplexe Vorgeschichte und Konzeption der damaligen Ausstellung näher einzugehen, kann man sagen, es ging um Kunst, um die Übertragung von Information und um Wahrnehmung. 1997 waren alle drei, zumindest für den 'Betrachter', auf ein fast provokatives Minimum reduziert.



7 Jahre später hat Steffen Schlichter in demselben Raum die Konzeption wieder aufgenommen. 766 x (Wiederaufnahme: 0 KB): diesmal muß der Besucher kein Kärtchen lesen, denn anstelle der Löcher sind nun 766 CD-Rohlinge nach dem Zufallsprinzip auf allen Wänden verteilt. Wir betreten eine Art Spiegelkabinett des 21.Jahrhunderts. Material und Anordnung haben sich geändert, doch das Thema ist dasselbe geblieben. Allerdings hat Schlichter nun, mit der Compact Disc, dem Speichermedium für Computerdaten, einen weiteren Begriff von Information eingeführt. 0 KB heißt, die verwendeten CDs sind unbespielt, sie enthalten kein Zeichen, keine Information, digitale 'Blindbände'. Aus der Sicht eines Computers ist dies korrekt, doch unsere sinnliche Wahrnehmung urteilt anders: die reflektierenden, in allen Regenbogenfarben schillernden Metalloberflächen liefern uns das Maximum von 766 unterschiedlichen physikalischen Signalen. Wir werden mit einer nicht quantifizierbaren, optischen Informationsmenge konfrontiert.



Zum zweiten Mal hat Steffen Schlichter diesen Raum radikal verändert, ohne jeglichen architektonischen Eingriff. Zum zweiten Mal hat er den traditionellen Begriff von Ausstellung negiert. 766 Nagellöcher sind 'fast nichts', 766 CD-Rohlinge sind 'fast zuviel', irgendwo dazwischen liegt die Wirklichkeit unserer Wahrnehmung.

Fotos: Steffen Schlichter

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