John Beech: Works 1989–2004

5. 12. 2004–30. 3. 2005


DIES IST KEIN CONTAINER

Dezember 2004 – Reutlingen – Stiftung für konkrete Kunst – John Beech – Works 1989–2004. Frei im Raum steht eine große, rechteckige Holzkiste – hochkant gekippt – an zwei Seiten offen – an einer Seite zwei Lochungen – an einer Außenkante zwei orangerote Farbflächen – die Innenflächen mit derselben Farbe vollständig bemalt – handwerklich gut gearbeitet – keine Massenware, sondern ein Einzelstück – der Titel: Orange Container.

Wir erinnern: "Container, der; -s, - ‹ lat.-fr.-engl.›: der rationelleren u. leichteren Beförderung dienender [quaderförmiger] Großbehälter in standardisierter Größe". Wir überprüfen die Situation und unser Urteil ist klar: Begriff und Anschauung gehen bei diesem Objekt nicht zusammen, wir müssen die Sache anders angehen.

Mit Dingen kennen wir uns nämlich aus, mit den normal-alltäglichen und auch mit den anderen. Wir wissen was Sache ist, was wie funktioniert. Wir haben sie gesehen, die signierten Flaschentrockner und die 'dies ist keine Pfeife'-Pfeifen, die Suppendosen, Pappkartons, Sperrholzkisten, Plexiglasboxen und Metallplatten, die so einfach daherkommen. Wir haben ihre wohl berechnete Beiläufigkeit durchschaut und sie dennoch bewundert. Nach der historisch üblichen Schrecksekunde, doch ohne größere mentale Irritationen, wurden sie alsbald zur allgemeinen und besonderen Interpretation freigegeben, um schließlich in der Harmlosigkeit musealer Reservate zu enden. Duchamps, Magritte, Warhol und noch ein paar andere, von ihnen haben wir gelernt die Trennung von Wirklichkeit und Kunst neu zu definieren, zu unterscheiden zwischen Ding und Ding, zwischen Ding und Bild und Wort. Was immer John Beech uns hier vorstellt, eines ist klar "dies ist kein Container".



Die Dinge
Rolling Blanket – auf dem Boden eine flauschige, lachsrosafarbene Wolldecke, von großen schwarzen, festgeschraubten Rollen beschwert und zerdrückt. An der Wand Green Painting with Wheels – kein Bild, sondern ein langes schmales, grün bemaltes Stahlblech, auf der Vorderseite drei gegenläufig montierte Räder. Dumpster Template – die transparente Plexiglas-Silhouette eines Müllcontainers. Und immer wieder stoppt der Blick bei den Bumpers – Fahrbahnschwellen im Maßstab 1:1, bunt bemalt, oft zweifarbig, manchmal mit Knick, einmal sogar im Plexiglaskasten. Hinter der Wand entdecken wir, ordentlich in Reih und Glied, eine Gruppe von Small Rolling Platforms, und wieder führt der Titel in die Irre, denn als 'Kistenroller' sind diese absurden, unordentlichen Konstrukte wirklich nicht zu gebrauchen, dazu sind sie viel zu klein, zu bunt, zu fragil und mit ihren zwar zahlreich aber falsch platzierten Rollen dazuhin absolut immobil.







Wohin wir auch schauen in dieser Ausstellung von John Beech, überall stoßen wir auf Dinge, die uns irgendwie bekannt vorkommen, bei genauerer Überprüfung jedoch nicht so sind, wie wir zunächst angenommen haben, die unerwartete, ja erstaunliche Eigenschaften aufweisen. Müllcontainer, Fahrbahnschwellen, Kistenroller und Schmusedecken nehmen wir im Alltag nur wahr, wenn sie nicht 'funktionieren', das heißt wenn sie fehlen oder stören. Diese 'faceless things', die für uns bislang, wenn überhaupt, nur unter dem Aspekt ihrer Funktionalität existiert haben, werden nun plötzlich sichtbar, bekommen Form, Gestalt, eine ästhetische Qualität.

Die Funktion
John Beechs Dinge funktionieren nicht. Die Container befördern nichts, sie sind nicht aus Metall, sondern aus dünnem Sperrholz, fragilem hellblauen (!) Plexiglas oder brüchigen Isolier-platten. Die Fahrbahnschwellen stoppen nichts, sie sind nicht im Boden verankert, sind auch nicht aus Beton, sondern aus Gips. Die Räder rollen nicht, sie hängen in der Luft oder blockieren sich gegenseitig. Doch was uns im Alltag ärgerlich macht, das Zwecklose, der Fehler im System, der Widerstand der Dinge, das ist hier gerade interessant. Beechs Objekte leben von ihren inneren Widersprüchen. Dieser Künstler hat ein außergewöhnliches Gefühl für Polaritäten. Hart und weich, pulverig und fest, zerbrechlich und stabil, bemalt und unbemalt, offen und geschlossen, beweglich und unbeweglich, durchsichtig und undurchsichtig, ordentlich und unordentlich, ständig werden in einem Objekt Eigenschaften kombiniert, die eigentlich nicht zusammenpassen. Wir schauen, urteilen, schauen wieder, revidieren unser Urteil, kommen zu keinem Schluß. Das Ding funktioniert nicht und das ist spannend, das aktiviert unsere Phantasie, unser Sehen und Denken.

Die Objekte
So wie der Container kein Container ist, so ist bei John Beech auch das Bild kein Bild, die Plastik keine Plastik, die Zeichnung keine Zeichnung. Die traditionellen Gattungsbegriffe greifen nicht mehr, die plastische Oberfläche ist zugleich Bildträger und die Malerei geht in die dritte Dimension. Die sogenannten Zeichnungen, die sich ausnahmslos mit dem Thema 'Müllcontainer' beschäftigen (Dumpster Drawings), sind nicht gezeichnet, sondern mit Emailfarbe oder Lack bemalte Fotoabzüge oder Fotocollagen (Hybrid Dumpster Drawings). Die Rotating Paintings, runde, bunt bemalte Plexiglasscheiben, drehen sich auf Kugellagern in immer neue Positionen. Dagegen bleiben 'Sculptures' wie Pollock Block oder Res # 3 dicht an der Wand.

Im Grenzbereich der Begriffe wie auch der statischen Gesetze operiert Projecting Painting # 5, fast zweieinhalb Meter ragt dieses 'Bild' von der Wand in den Raum. Und die Tropfspuren der bemalten Flächen zeigen, dass die Scheiben und Bretter sogar während des Farbauftrags bewegt wurden. Allein die Glue Paintings, matt glänzende, monochrome Bildtafeln, scheinen dem klassischen Kanon zu entsprechen. Doch auch sie sind nicht das, als was sie erscheinen, denn bei den vermeintlich mit großer Sorgfalt und künstlerischer Sensibilität gemischten, warmen Gelb-Brauntönen handelt es sich in Wirklichkeit um simplen Industrieleim. Und zudem kann ein solches Bild durch das Trocknen des Leims sehr schnell seine Form und sehr langsam seine Farbe verändern.

Die Farbe
Die Farbe ist Beechs oberstes Prinzip. Der Kontrast von glänzender Emailfarbe auf mattem Sperrholz oder auf transparentem Plexiglas ist seine bevorzugte Kombination. Aber auch Wachs auf Papier, Leim auf Leinwand oder Lack auf Fotoabzügen tauchen auf. Und das Prinzip der Farbe gilt nicht nur für die Wahl der Malmittel, sondern nach diesem Kriterium sucht Beech auch in den Straßen New Yorks nach alten Automatten oder vergilbtem Schaumstoff, in Baumärkten nach silberigglänzenden Dämmplatten und schwarzen Laufrollen. Und so beeindrucken Car Mat Grid, eine Bodenarbeit aus gleichgroßen, quadratisch zugeschnittenen abgenutzten Automatten, oder Foam Diptyque gerade durch ihre 'malerischen' Qualitäten.

Die Position
Damit nicht genug, selbst die Auswahl und Position der Objekte im Ausstellungsraum wird von John Beech in erster Linie unter dem Aspekt ihrer Farbwerte bestimmt. Wobei zu betonen ist, daß auch der Begriff 'Position' in Bezug auf Beechs Arbeiten problematisch ist, denn bei fast allen Bildern und Plastiken versagt selbst die elementarste physikalische Zuordnung: sie haben kein Oben und Unten, kein Vorne und Hinten. Und ihre Position im Raum ist ebenso undefiniert, fast alle können stehen, liegen, hängen oder lehnen, je nach Bedarf. Diese Dinge sind nicht das, was sie zu sein scheinen, sie sind nicht zu benennen, nicht zu gebrauchen, nicht zu orten, sie sind einfach unfassbar: Dinge ohne Eigenschaften - Kunst.

Die Kunst
Wie gesagt, wir kennen uns aus. Wie bereits erwähnt, die Dinge kommen uns irgendwie bekannt vor. Das Thema 'Wirklichkeit' ist allerdings abgehakt, der Container ist kein Container. Also das Thema Kunst, andere Kategorien sind gefordert, Vor-Bilder tauchen auf, John Beech ist nicht der erste. Wir müssen die Liste aufführen, ob wir wollen oder nicht, denn wir haben sie im Gedächtnis, bei allem was wir sehen: Dada, Surrealismus, Nouveau Réalisme, Pop Art, Minimal Art, Arte Povera, Radical Painting. Die Moderne, eine einhundert Jahre lange, permanente Avantgarde – die Schlacht scheint eigentlich geschlagen. Readymade, Kombination des Paradoxen, Akkumulation, einfache geometrische Grundformen, Banalität der Materialien, Dynamisierung des Raumes – vieles davon finden wir wieder in den Dingen des John Beech. Selbstbewußt stellt er sich in diese Reihe, mischt Zitat und Innovation in genau richtigem Verhältnis, spielt gleichermaßen mit unserer Wahrnehmung wie mit unseren Erinnerungen. Und deshalb müssen wir unser Urteil auch revidieren: die Container sind keine Container, die Bilder sind keine Bilder, Oben ist Unten und Hinten ist Vorne, das mag irritierend sein, aber es funktioniert.

Gabriele Kübler

Fotos: John Beech

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