Ben Willikens: Malerei als Denkmodell

16. 3.–27. 7. 2003
mit historischen mathematische Modellen aus der Sammlung der Universität Tübingen


Kunst und Mathematik, für die Besucher der Stiftung für konkrete Kunst ist die Verbindung der beiden Disziplinen nichts Neues. Rasterstrukturen, Dreiecke im Quadrat, die Zahl Pi, Progressionen gegen Unendlich, Verschobene Diagonalen, Unendliche Schleifen, von A wie Achsensymmetrie bis Z wie Zufallsexperiment wurde das ganze Repertoire geometrischer Formensprache und logischer Denkweisen in den vergangenen Jahren hier vorgestellt.

Die Ausstellung Malerei als Denkmodell geht die Sache anders an: sie zeigt Architekturbilder von Ben Willikens zusammen mit einer Sammlung historischer mathematischer Modelle. Das mathematische Denken in der Kunst von Willikens trifft auf die ästhetische Form einer mathematischen Figur. Beide, das künstlerische wie das wissenschaftliche Objekt, werden, so die Intention der Ausstellung, auf den Aspekt ihres Modellcharakters hin untersucht. Ein Modell ist eine auf die wesentlichen Eigenschaften eines Gegenstandes oder Prozesses reduzierte Abbildung. Sein Zweck ist die Veranschaulichung von Strukturen und Konstruktionen.

Ben Willikens (*1939) malt Räume, Innen- und Außenräume. Die gemalten Räume sind leer, ohne menschliche Spur, exakt konstruiert, technisch perfekt, grau in grau. Die strengen Gesetze der klassischen Zentralperspektive, die extreme Differenzierung der Grautöne, die 'Licht- und Schattenführung' erzeugen eine 'scheinbare' Räumlichkeit, doch der konkrete Blick zeigt: ein gemalter Raum ist nichts anderes als ein Konstrukt von Linien und Flächen. Unsere Anschauung kann sich durchaus vom Begriff frei machen. Decke, Wand, Boden, Türe, Fenster, Treppe, Fassade, Pfeiler, jedes Raumteil kann auch als zweidimensionales, konstruktives Element gesehen werden. Ein 'Gegenstand' in einem solchen Raum verliert für den Betrachter jede erkennbare Funktion, eine Kugel, ein Würfel, ein Stab, wird zum anonymen Inventar oder zur symbolischen Form. Die Malerei von Ben Willikens macht jeden Raum, gleichgültig ob es sich um reale oder von ihm erdachte Architektur handelt, zu einem architektonischen Modellfall.

Unter dem Titel Malerei als Denkmodell zeigt die Stiftung für konkrete Kunst auf drei Etagen die Serien ORTE (1996/1999 Sammlung DaimlerChrysler), RÄUME DER MODERNE (1999–2003) und CUT (2001–2003). Der berühmteste 'Modellfall' des Künstlers, sein Abendmahl (1976) ist, als Maßstab und Ausgangspunkt für alle nachfolgenden Architekturbilder, in der Ausstellung zu sehen. Nürnberg Zeppelinfeld, München Ehrentempel, Berlin Reichskanzlei, monumentale Repräsentationsbauten des Nationalsozialismus sind das Thema der ORTE-Serie. Willikens selbst nennt diese Bilder 'Modelle der Schönheit und des Terrors'. Im übergroßen Bildformat wird eine 'Transformatorenstation' zum antiken Tempel, zur Höllenpforte oder Folterkammer. Vollkommene Symmetrie, perfekte Maltechnik, Neutralität des Grau, ein leerer, statischer, zeitloser Raum, dies sind die Mittel, mit denen uns Ben Willikens in dieser Serie den Dualismus der Formensprache totalitärer Architektur vorführt.



Nicht Orte, sondern in erster Linie die Namen berühmter Architekten des 20.Jahrhunderts kennzeichnen die Titel der Serie RÄUME DER MODERNE. Le Corbusier, Mies van der Rohe, El Lissitzky oder O.M.Ungers, für sie hat Willikens 'Modelle der Verehrung' geschaffen. Historisch zum Teil durchaus zeitgleich mit den Vorbildern der ORTE, der Architektur eines Ludwig Troost oder Albert Speer, ist in diesen Räumen der menschliche Maßstab, die Dimension von Leben wenn auch nicht anwesend, so doch zumindest vorstellbar. Die Bilder zeigen ausschließlich Innenräume, die Struktur ist kleinteilig, die Komposition detailreich. Treppen, Geländer, Galerien, Türen, Fenster, Leitern lassen Möglichkeiten offen und Freiheit zu, stellen wenn auch nur fiktive Verbindungen her zwischen einem Raum zu einem anderen, von einer Ebene zur nächsten.



CUT, mit einem radikalen Schnitt trennt sich Ben Willikens in den aktuellen Bildern von seinen bislang geltenden Prinzipien. Dem 'schönen Schein' werden nun harte Grenzen gezogen. Die lange gewohnte Position der klassischen Zentralperspektive ist verlassen, Symmetrie, Harmonie und Ordnung sind fragmentarisiert. Die Beschreibung der neuen Bildserie als 'Modelle der Verletzung' erinnert noch an die vormalige Idee von Einheit, benennt das Neue als bewußten Verzicht oder schmerzhaften Verlust. Horizontal oder vertikal geführte Schnitte machen den Raum zum Fragment. Anschnitte, Ausschnitte, Abschnitte, Halbierung, Drittelung, gekappte Pfeiler, durchtrennte Quader oder Sockel. Die Idee von Ordnung und Harmonie ist relativiert, der 'asymmetrische Grundzustand der Welt' (Heisenberg) hat auch die Malerei eines Ben Willikens erfaßt. Die Position des Betrachters ist frei, der Fluchtpunkt liegt außerhalb des Bildes. Jeder Versuch, Ganzheit herzustellen, wird problematisch. Willikens hat sich für seine Cut-Bilder kein neues 'Motiv' gesucht, keine historischen Orte oder modernen Räume, sondern wir erkennen in ihnen Ausschnitte früherer Arbeiten, Momente seiner eigenen Malerei, seiner 'Geschichte'. Er zeigt uns bekannte Räume auf neue Art und führt mit dem Schnitt zugleich eine weitere Dimension in seine Kunst ein, die Zeit.



Eine lange, gerade grau-weiße Linie läuft durch alle drei Ausstellungsetagen. Auf niedrigen grauen Kartonsockeln stehen kleine, weiße dreidimensionale Gipsobjekte, mathematische Modelle. Elliptische Paraboloide, Konfokale Quadriken, Parabolische Ringzyklide, mit diesen Begriffen verbindet sich, selbst bei studierten Mathematikern, wohl kaum eine spontane anschauliche Vorstellung. Mitte des 19.Jahrhunderts entstanden in Deutschland erste Modelle zur Veranschaulichung von Fragenstellungen und Erkenntnissen der Forschung aus Analysis, Funktionentheorie, Geometrie und Topologie. Zunächst als Einzelstücke von führenden Mathematikern der Zeit berechnet und hergestellt, beginnt um 1870 eine regelrechte Produktion von Gipsmodellen. Bis in die zwanziger Jahre des 20.Jahrhunderts sind diese Modelle "zur Belebung des höheren mathematischen Unterrichts an Universitäten" in Gebrauch, dann setzt in der Mathematik eine neue Entwicklung ein, welche in der Anschauung nur eine Ablenkung vom abstrakten Denken sieht. Die Modelle werden zu Ausstellungsstücken in Vitrinen oder geraten völlig in Vergessenheit. In den Räumen der Stiftung für konkrete Kunst wird das mathematische Modell zum ästhetischen Objekt. Vor allem die Modelle zur algebraischen Geometrie lassen an konstruktivistische Plastiken eines Tatlin, Pevsner oder Naum Gabo denken und sie sind, auch wenn ihnen die 'Aura' des Kunstwerks fehlt, vielleicht dennoch mit Max Bills Worten als 'Gegenstände für den geistigen Gebrauch' zu betrachten.

Was haben die Architekturbilder von Ben Willikens und die mathematischen Modelle gemeinsam? Die einfachste Antwort ist: beide Male geht es um Raum, um Anschauung von Linie, Fläche und Raum. Und beide halten, obgleich keine Werke der konkreten Kunst, durch ihre formale Reduktion auf das Wesentliche, durch die technische Exaktheit und Perfektion, durch die Neutralität der Farbe, durch ihre ästhetische Qualität, dem konkreten Blick stand.

Gabriele Kübler

Fotos: Michael Steinle

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